25 Januar 2025

The Hives - "Veni Vidi Vicious" (2000)

Ich muss zugeben, dass ich in dieser Woche gar nicht genügend Zeit gefunden habe, um mich ausgiebig mit der Nominierung meines "Albums der Woche" zu beschäftigen. Es war einfach zu viel los, als dass ich zum ausgiebigen Musik hören gekommen wäre. Diesbezüglich ist ja Punkrock ein sehr dankbares Genre. Drei Akkorde hintereinander auf einer Gitarre geschrabbelt und einmal ins Mikro gekrächzt und fertig sind schon die ersten beiden Songs. 

Als es in dieser Woche mal schnell gehen musste und ich die Regalreihen meiner Lieblingsinstanzen auf der Suche nach einer angemessenen Nominierung für das Album diese Woche Abschritt, blieb mein Finger direkt bei den Hives stehen. Warum nicht mal effizienten Minimalismus entsprechend würdigen? Allerdings muss ich zugeben, dass "Veni Vidi Vecious" das einzige Hives-Album ist, welches ich besitze. Die musikalische Vielfälltigkeit ist dann doch auch recht schnell erschöpft. Nichts desto trotz ist "Veni Vidi Vicious"für mich ein tolles Album, wofür man eben nicht eine ellenlange emmotionale Einleitung braucht, sondern was direkt zur Sache kommt. So wie Musik eben auch mal sein soll, ... vergleichbar vielleicht mit einer 5-Minuten-Terrine: aufreißen, aufgießen ... und fertig! ... extrem geil ... wenn man hungrig ist!

In diesem Sinne: Guten Appetit! ... und schön hungrig an die Sache ran gehen! ;-)

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18 Januar 2025

Progres 2 - "Dialog S Vesirem" (1980)

Das Album dieser Woche entstammt einer völlig spleenigen Aktion. In Nord-, West- und Südeuropa existieren riesige Szenen von Psychadalic-, (Neo-)Kraut- und Progressive-Rockbands die in der Regel völlig losgelöst vom Mainstream teilweise Underground- und/oder Geheimtippcharakter genießen. Aber was ist mit Osteuropa? Bekannt ist, dass aus der Ukraine einige hervorragend Bands, wie Stoned Jesus oder Somali Yacht Club kommen. Aus Ungarn kennen wir Karthago und Omega. Aber was ist mit Russland, Tschechien oder Polen? Von diesem Gedanken umgetrieben begab ich mich in die Sphären von Spotify und Google. ... und bin quasi sofort wieder hängen geblieben. Einerseits bedauerlich, weil ich auf diese Weise weder einen Überblick über die Szene bekommen habe, noch das Eigentliche gefunden habe, was ich gesucht hatte. Dazu aber gleich mehr. Anderseits habe ich aber wieder mal eine Band und Platten entdeckt, die mich begeistern, nämlich Progres 2 aus Tschechien.

Progres 2 wurden bereits 1968 in ihrer Urbesetzung und unter einem anderem Namen gegründet. ... und da kommen wir zum ersten Haken der Aktion. Selbst wenn Progres 2 heute in Teilen noch aktiv sind, hat das kaum was mit der heutigen osteuropäischen Psychalic-Szene zu tun. Auch Underground kann das kaum gewesen sein, wenn Progres 2 in Tschechien in den 1980er Jahren Platten aufnehmen durften. Aber so ist das eben manchmal; Man sucht etwas und findet etwas ganz anderes, womoglich besseres Wobei ich mich vom Thema tatsächlich nicht so weit weg bewegt habe. Wikipedia beschreibt Progres 2 als Art-Rock-Band. Tatsächlich läßt sich die Band stilistisch über ihren langen Schaffenszeitraum nicht eindeutig einsortieren. Beim Reinhören in den Back-Katalog, läuft das Ganze bei mir aber tatsächlich auf Psychadelic- und Progressive-Rock raus. 

"Dialog S Vesirem" heißt übersetzt so viel "Dialog mit dem Universum" und ist wohl eine Art Rock-Oper, was beim Hören der Platte so direkt nicht auffällt. Das ein Konzept hinter dem Album steht, fällt dagegen sofort auf. Leider ist mein Tschechisch nicht so gut, als dass ich das hier vertiefen könnte. Jedenfalls hat mich der Opener "V Zajeti Pocitcu" sofort gepackt. ... und als weiterer Anspieltipp sei' auf jeden Fall noch "Planeta Hieronima Bosche II" empfohlen. Außerdem muss ich noch auf ein weiteres Album hinweisen, welches mich zu tiefst fasziniert hat: "Treti Kniha Dzungli" (1982), davon gibt es dann sogar eine englischsprachige Veröffentlichung "The Third Book Of The Jungle". Wobei ich gestehen muss, dass mir die tschechische Version besser gefällt. Die kommt authentischer rüber. Man merkt, dass der Sänger mit Englisch eine für ihn ungewohnte und wahrscheinlich auch unverstandene Sprache singt. 

Jedenfalls habe ich mir hier eine neue musikalische Spielwiese erschlossen. Wenn man erstmal die Scheu vor ungewohnten Sprachen in der Rockmusik abgelegt hat, liegt ein Schlaraffenland vor einem, an dem man sich nur bedienen braucht. Bei mir steht jedenfalls seit dieser Woche eine 1980er Pressung von "Dialog S Vesirem" im Schrank. 


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11 Januar 2025

Paradise Lost - "Draconian Times" (1995)

"Draconian Times" ist so ein Album, wo einfach alles stimmt! Es läßt sich quasi bei allen Stimmungslagen hören ... Es ballert nicht zu sehr, ist aber auch nicht weich gespült, es ist sehr vielseitig, hat aber auch eine sehr klare musikalische Richtung ... eben perfekt! 

Obwohl Paradise Lost bereits in den 1980er Jahren in England gegründet wurden, habe ich mich erst relativ spät damit befaßt. Mag sein, dass es daran lag, dass ich 1988 gerade meine Metal-Findungsphase absolviert hatte und gerade  vom klassischen Heavy Metal beim Thrash ala Slayer, Metallica und Kreator gelandet war. Für aufkeimenden Death Metal ala Bolt Thrower hatte ich damals (noch) kein Ohr. Überhaupt war damals Ende der 1980er/ Anfang der 1990er Jahre das Problem, dass neue Bands und damit Sub-Genres aus dem Boden schossen wie Pilze aus dem feuchten Waldboden. Ich hatte völlig die Orientierung verloren. Jeden Monat gab es plötzlich hunderte neuer Platten-Rezessionen. Streaming gab es nicht, um mal irgendwo rein zu hören. Ich hatte gerade mein Studium begonnen und damit auch keine Kohle ständig neue CDs zu kaufen. Ich zog mich also auf Altbekanntes zurück und ließ die Szene Szene sein. Allerdings nahm ich auch damals bereits Paradise Lost war ... eben als eine von vielen Neuen im Geschäft, immer mit dem Etikett des Death Metal, später dann auch Gothic, versehen. Beides nicht meine Baustellen. 

2009 begab es sich dann, dass Paradise Lost auf ihrer Tour zum Album "Faith Divides Us - Death Unites Us" in Bielefeld Station machten. Da ich gerade richtig Bock darauf hatte, mir Sachen auch live anzusehen, war das ein Anlass für mich, mal recht ausgiebig durch den Backkatalog von Paradise Lost zu fräsen. Dabei hat mich die musikalische Vielfältigkeit, im Sinne von 'Wie erfinde ich mich immer wieder neu?' schon recht beeindruckt. Gestartet sind Paradise Lost als Death-Metal-Band, waren später Vorreiter des Gothic- & Doom-Genres, setzten dann mal so viel Synthesizer und elektronischen Kram ein, dass selbst Depeche Mode ihre Freude daran gehabt haben müssen und kommen in der letzten Zeit auch wieder verstärkt zu ihren Wurzeln zurück. Das Ganze läuft aber auch immer auf musikalisch höchstem Niveau. Frontmann Nick Holmes kann tatsächlich auch alles singen. Da ihm Paradise Lost offensichtlich nicht reicht, betreibt er nebenbei noch ein recht erfolgreiches Death-Metal-Projekt namens Bloodbath. Soviel zum musikalischen Chamäleon.

Jedenfalls kristallisierte sich bei mir "Draconian Times" als die musikalische Schnittstelle heraus, die am besten zu mir passt. Wenn man so will, ist "Draconian Times" mein Lieblingsalbum von Paradise Lost. Ich will allerdings auch nicht verschweigen, dass für mich noch zwei weitere Alben herausstechen: "Symbol Of Life" (2002) aus der Synthie-Ära und  "The Plage Within" (2015) mit deutlichem Hang zum Death Metal. ... aber um diese beiden Alben kümmern wir uns dann vielleicht mal in einer anderen Woche. 

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02 Januar 2025

Metallica - "Master Of Puppets" (1986)

Neujahr - Wenn man der Spotify-Playlist meiner Lieblingssongs 2024 folgen würde, müßte an dieser Stelle jetzt eigendlich Godsleep mit "Lies To Survive" stehen. Tut es aber nicht, weil über den Jahreswechsel Tante Trude aus Buxtehude da war, wir über einen kurzen Disput zur soundtechnischen Genialität des sogenannten "Black Albums" plötzlich die "Master Of Puppets" im CD Player liegen hatten, und nochmal einhellig festgestellt haben, was für ein geniales Brett das eigentlich ist. 

Meinen Erstkontakt mit dem Album hatte ich, als in der zweiten Hälfte des Jahres 1986 an einem Samstagnachmittag in der Metal-Stunde des Jugendradios DT64 der Song "Orion" in voller Länge lief. So ein Instrumentalbroken war für die damalige Zeit recht untypisch und ich war davon zunächst auch nur mäßig begeistert. Ich war damals auch eher Anhänger von Bands wie AC/DC, Accept, Saxon, u.s.w.. Die Popularität des Thrash Metal steckte noch in den Kinderschuhen. Sonderlich geschockt war ich aber auch nicht, weil ich "The Call of Ktulu" vom Vorgängeralbum "Ride the Lightning" bereits kannte.  Jedenfalls brauchte es nicht lange, bis irgendjemand in unserer damaligen Clique das Album auf einer überspielten Musikkassette mit brachte. ... und damit war dann endgültig klar, dass Metallica gemeinsam mit Slayer das Ende der Fahnenstange meines guten Musikgeschmacks zeitlich bis weit über das Abi hinaus bestimmen würden. Liest - und vor allem hört man sich die Track List des Albums "Master Of Puppets"  heute nochmal durch, ist sofort klar, warum das so ist. Mit "Battery"als Opener bekommt man sofort ein Brett um die Ohren geknallt, was damals in puncto Härte und Geschwindigkeit seines Gleichen suchte. Damit machten Metallica auch sofort klar, dass wir hier in einem neuen Sub-Genre unterwegs waren, was sich vom klassischen Hard Rock/ Heavy Metal deutlich abhob. Mit dem Titeltrack "Master Of Puppets" setzen Metallica nochmal nach, ohne allerdings den Geschwindigkeitsregler hoch zu ziehen, was der Eingängigkeit des Songs sehr gut tut. Mit dem anschließenden "The Thing That Should Not Be" sind dann Metallica komplett zurück im Slow Heavy Betrieb. Das entsprach dann auch eher meinem damaligen Verständnis von Heavy Metal. Spätestens mit dem dann folgenden "Welcome Home (Sanatorium)" hat dann Metallica meinen persönlichen Metal Olymp erklommen. Eine Hymne, die noch heute zum Mitgröhlen einläd, ohne diesen sonst so weich gespühlten Pathos zu vermitteln, wie mann ihn vom diversen anderen Stücken des Gengres kennt, und gerade im zweiten Teil des Songs ist von der anfänglichen Hymne auch nicht mehr viel übrig sondern driftet ordentlich in die Speed-Metal-Richtung ab. Die komplette B-Seite mit "Disposable Heros" startend, wird, bis auf besagtes "Orion", komplett dem Trash Metal gerecht. 

... und so konstatiere ich, dass mit Metallicas "Master Of Puppets" hier nicht nur ein gelungener Jahresstart und ein würdiges Album der ersten Woche auf dem Tisch liegt, sonder es für mich ein Allzeit Favoritenalbum ist und letztlich meinen eigenen Musikgeschmack beeinflußt und mich damit nachhaltig geprägt hat. 


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24 Dezember 2024

Ulla van Daelen - "Mandala" (2020)

Heiligabend 2024 - der Tradition folgend darf es für die Weihnachtswoche durchaus mal ein Klassisches Album für die Wochennominierung sein. Wobei dies für das vorliegende Album allenfalls für die Instrumentierung gilt, wenn man die Harfe als klassisches Instrument ansehen möchte. Für mich entdeckt habe ich Ulla Van Daelen und ihr Album "Mandala" als ich das Album "Borderline" von Anne Clark zu hören bekam. Hier hat Anne Clark ihren für sie typischen poetischen Sprechgesang mit klassischer Violine und Harfe kombiniert. ... und die Harfe hat eben jene Ulla van Daelen gespielt, für deren Werk ich mich plötzlich zu interessieren begann. Das war in diesem Sommer.  Inzwischen weiß ich, dass Ulla van Daelen eine sehr renomierte deutsche Harfenistin ist, die mittlerweile 14 eigene Alben veröffentlicht und an zahlreichen weiteren mitgewirkt hat. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich bisher nur mit "Borderline" und "Mandala" beschäftigt habe. "Mandala" enthält vorwiegend eigenen Kompositionen, aber auch neuarangierte Stücke wie beispielsweise  das speziell mit Solo-Harfe eingespielte "Tubular Bells" von Mike Oldfield. Thematisch geht es vorwiegend um Natur, aber auch Irische Folklore und celtisch-mystische Klänge. Die sehr locker luftige Art des Harfenspiels entspannt und erdet mich total, regt gleichzeitig die Phantasie an und ist extrem kurzweilig. 

Das Album selbst scheint es nur als Hybrid-SACD (Super Audio Compact Disk) von Stockfisch Records, einem auf audiophile Produktionen spezialisiertes Lable zu geben. Vinyl scheidet also diesmal aus. Eben wo ich diese Zeilen schreibe bestelle ich mir fix mal die "Mandala" und die "Borderline" auch. (Falls der Weihnachtsmann heute keine Geschenke für mich bringt, ist das Fest vorab schon mal gerettet. ;-))


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19 Dezember 2024

Karthago - "Senkiföldjén" (1984)

Urlaub ist etwas Herrliches! ... insbesondere dann, wenn die Kinder alle in der Schule sind und die Frau außer Haus im Weihnachtsbesorgungsstress ist. Zeit, um mal durch den Plattenschrank zu fräsen und wirklich auch mal in der letzten hintere Ecke zu schauen, was da noch so rum steht. ... und dann auch mal wieder sehr ungewöhnliches Zeug aufzulegen, wo ich selbst nicht mehr so recht weiß, was das eigentlich ist und wie sich das anhört. So geschehen heute, heraus gekramt habe ich Karthago. Eine ungarische Band, die im Ostblock damals durchaus unter dem Etikett Heavy Metal gehandelt wurde. ... und da ich damals alles gekauft habe, was mir in dieser Richtung in die Finger kam, erklärt das auch, dass ich zwei Platten von Karthago im Schrank habe. Freilich, würde ich Karthago heute nicht mehr den Stempel von Heavy Metal aufdrücken, selbst wenn sie hier und da auch mal recht harte Gitarrensaiten anschlagen. Wahrscheinlich würde es heute eine Mischung zwischen Classic- und Progressive Rock ganz gut treffen. Jedenfalls kannte ich weder die Platten, noch die Songs und selbst Karthago als Band kannte ich nur dem Namen nach. Es waren also Wundertüten, die ich alsbald auch als Fehlkauf abtat. Klar, als frisch gebackener Motörhead-, Venom- und Slayer-Jünger war das was Karthago machten viel zu soft, elektronisch weich gespült und hatte mit dem Metal den ich mochte nicht die Bohne zu tun. Obendrein singt Karthago in Landessprache, ... und ungarisch ist als Sprache für eingängige Rockmusik mal zumindest gewöhnungsbedürftig. Aus heutiger Sicht darf ich allerdings sagen, ungarisch ist auch nicht schlimmer als isländisch (siehe Solstafir). Ich weiß gar nicht, ob ich diese beiden Platten vor dem heutigen Tag jemals durch gehört habe. Auf jeden Fall hatte ich sie bestimmt zwanzig Jahre nicht in der Hand. Wie sich heute herausstellt, habe ich diese Platten über die Jahrzehnte völlig zu unrecht so unterbewertet. Wie bei so vielen Dingen hat die Zeit meiner Toleranzschwelle sehr gut getan. Das was ich heute zu hören bekam, war durchaus beeindruckend vielfältig, musikalisch auf Topp-Niveau. Klar, ungarisch ist immer noch recht ungewohnt, aber spätestens nach dem zweiten Song liegt der Fokus tatsächlich auf der Musik und die ist durchaus bemerkenswert. 

Nun habe ich hier die ganze Zeit von zwei Platten gesprochen, die ich auch beide hätte zum Album der Woche erklären können. Zum einen habe ich das selbstbetitelte Debüt "Karthago" von 1981 und zum anderen eben "Senkiföldjen" , das vierte Studioalbum von 1984. Während "Karthago" doch sehr häufig mit diversen Orgelläufen ala Jon Lord und Gitarrensoli ala Richie Blackmore noch sehr an Deep Purples Rockzeremonien erinnert, ist man bei "Senkiföldjen" schon wesentlich spezieller zu Werke gegangen. Neben den typischen dumpfen E-Schlagzeug-Hall-Klängen der Mid-80er verwendeten Karthago ausgefeilte Synthesizersound-Strukturen, teilweise der 80er Pop-Musik entlehnt und spielen sehr abwechlungsreich damit, ohne ihre Rock-Intentionen zu vernachlässigen. Das gibt dem Ganzen doch einen sehr progressiven Touch. Sehr klar, dass ich damals mit diesem Album nichts anfangen konnte. Vierzig Jahre später sieht die Welt ganz anders aus ...


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13 Dezember 2024

Karat - "10 Jahre - Auf dem Weg zu Euch / Live" (1985)

Die LP dieser Woche ist mir vorgestern beim Waschen in die Hände gefallen. Ja... ich habe die ersten Tage meines Weihnachtsurlaubs gleich mal sinnvoll genutzt und einige meiner Schätzchen einer gründlichen Reinigung unterzogen. .... und dabei natürlich auch gleich wieder angehört. 

Über Karats Platz in der deutschen Rock-Geschichte braucht man nun wirklich keine Worte verlieren. Karat kannte ich bereits als Grundschulkind. "Über sieben Brücken" war damals in der 2. oder 3. Klasse eines meiner absoluten Lieblingslieder. Mit meinem Freund Jan habe ich im Schulhort den Refrain des Liedes solange "gesungen" bis eine Erzieherin kam und uns das verboten hat, weil alle anderen Kinder im Hort völlig genervt waren. Mit fortschreitendem Eintritt ins Jugendalter und der Entwicklung zum Metalhead verlor ich allerdings das Interesse an Karat wie auch an vielen anderen Bands aus meiner frühen Kindheit. Wobei ich sie nie so ganz aus den Augen verloren habe. Sie waren ja auch wirklich gut! Wahrscheinlich ist so auch zu erklären, dass ich mir mit Erscheinen 1985 diese Live-LP zugelegt habe. So oft habe ich sie damals freilich nicht gehört, aber ich bin sehr froh sie heute zu haben. Übrigens habe ich dieser Tage bei Amazon ein Re-Issue dieses Doppelalbums für sage und schreibe 35,-€ als rotes/blaues Vinyl gesehen. Ich habe damals 16,10 Mark der DDR dafür bezahlt. Viele Jahre gab es dieses Album gar nicht als Neupressung. 

Das Live-Album "Auf dem Weg zu Euch" ist ein wunderbares Zeitdokument. Zum Einen enthält es alle wesentlichen Hits der Band und zwar in den Live-Fassungen viel dynamischer und druckvoller als die jeweiligen Studio-Produktionen. Zum Anderen ist das Album mit diesem typischen Hall der 1980er produziert. Der Einsatz von E-Schlagzeug und Synties ist absolut typisch für diese Zeit. Die Musik ist soundtechnisch spitzenmäßig in Szene gesetzt. Leider ist der Gesang sehr grenzwertig mit dem Hall überlagert, so dass die Texte manchmal nur schwer zu verstehen sind. Sehr unglücklich bei einer deutschsprachigen Platte! Demgegenüber wirken die Applausszenen des Publikums eher aufgesetzt und plump eingespielt. Aber das war damals eben so, wie gesagt: Wir reden hier von Aufnahmen, die vor vierzig Jahren gemacht wurden. ... und bei den Songs "Albatros" und "Schwanenkönig" bekomme ich immer noch Gänsehaut und Pippi in den Augen. 

Für mich hat damals auch tatsächlich die Geschichte von Karat aufgehört. Die Wende- und Nachwendeveröffentlichungen der Band habe ich nicht mitbekommen und auch nicht "nachgearbeitet". Zwischendurch gab es Streitereien um Titel- und Namensrechte. 2004 verstarb der Sänger Herbert Dreilich. Seit dem singt sein Sohn Cornelius Dreilich. Das ist aber eben nicht dasselbe ... und gerade wenn Cornelius die alten Hits von seinem Vater intoniert, kann ich mir das gar nicht anhören. Nicht das der Cornelius das schlecht machen würde, aber das ist als ob man Motörhead-Songs von jemandem anderes als Lemmy Kilmister singen lassen würde. 


Das Album gibt's mal wieder nicht auf Spotify und auf Youtube wäre zwar eine mitgeschnittene Version verfügbar, aber der verwendete Plattenspieler arbeitet nicht mit der passenden Geschwindigkeit. Jedenfalls ist das unhörbar und ich verlinke es nicht. Ansonsten gibt's auf Ebay oder einschlägigen Plattenbörsen immer mal wieder bezahlbare Exemplare.